Barfussschuhe werden Mainstream
Ein Gewinn oder ein Problem für kleine Marken?
Noch vor wenigen Jahren war es keineswegs selbstverständlich, Schuhe mit ausreichend Platz für die Zehen, einer flexiblen Sohle und einer Form zu finden, die den natürlichen Umriss des Fusses berücksichtigt.
Viele kleinere Barfussmarken mussten nicht nur ihrer Kundschaft, sondern häufig auch den Herstellern selbst erklären, weshalb sie andere Leisten, eine andere Konstruktion oder eine andere Art von Laufsohle benötigten. Gleichzeitig zeigten sie, dass ein funktionaler Schuh nicht schmal, steif und stark verstärkt sein muss.
Heute verändert sich die Situation. Merkmale, die früher vor allem mit Barfussschuhen verbunden wurden, begegnen uns zunehmend auch bei bekannten Marken im regulären Schuhhandel. Breitere Zehenboxen, leichtere Konstruktionen oder flexiblere Sohlen finden ihren Weg in den Mainstream.
Für die Kundschaft sind mehr Auswahl und eine bessere Verfügbarkeit eine gute Nachricht. Beim Preis ist die Situation allerdings weniger eindeutig. Manche Mainstream-Modelle sind deutlich günstiger, andere liegen preislich nahe an spezialisierten Barfussschuhen. Der Produktionsort allein sagt dabei weder etwas über den Endpreis noch über die Verarbeitungsqualität aus.
Und genau hier beginnt der interessante Teil.
Was bedeutet das für Marken, die den Barfussmarkt mit aufgebaut haben?
Hinter einem Barfussschuh steckt mehr als die Idee, die Zehenbox zu verbreitern. Zur Entwicklung können eigene Leisten und Laufsohlen, die Suche nach geeigneten Materialien, Prototypen, Tests und auch Lösungen gehören, die sich letztlich nicht bewähren.

Nicht jedes Modell funktioniert beim ersten Versuch, und nicht jeder Prototyp schafft es in die Serienproduktion. Auch diese Kosten muss jedoch jemand tragen. Für kleinere Hersteller mit begrenzten Budgets und kleinen Serien können sie eine erhebliche Belastung darstellen.
Viele spezialisierte Marken haben gleichzeitig erklärt, warum es sinnvoll sein kann, dem Fuss mehr Raum für natürliche Bewegung zu geben, statt ihn unter allen Umständen fest zu führen und zu stützen.
Sie entwickelten also nicht nur Schuhe. Sie halfen auch dabei, die Vorstellung davon zu verändern, wie Schuhe aussehen und funktionieren können.
In der Geschichte moderner minimalistischer Schuhe haben beispielsweise Softstar, Vivobarefoot, Vibram FiveFingers, Feelmax, Xero Shoes, Freet oder Joe Nimble ihren Platz. Ihre Geschichten unterscheiden sich jedoch: Manche begannen direkt mit minimalistischen Schuhen, andere entwickelten eine neue Linie oder Ausrichtung innerhalb eines bereits bestehenden Unternehmens.
Das breitere Angebot wurde anschliessend von Marken wie Ahinsa, Wildling, Baby Bare, SHAPEN, Be Lenka, Peerko, Aylla, Saguaro, Splay, PaperKrane, Magical Shoes, Zeazoo, Mukishoes, Sole Runner, Lems oder Tadeevo mitgestaltet. Für minimalistische Sandalen stehen beispielsweise Luna Sandals, Unshoes, Bedrock und Shamma. Eine weitere Ausprägung des Barfussangebots sind urbane Sneakers von Marken wie Barebarics.
Diese Namen sind Beispiele für unterschiedliche Wege, keine vollständige Liste und keine chronologische Rangfolge. Auch spezialisierte Marken unterscheiden sich in Schuhform, Sohlenstärke und konstruktivem Ansatz.
Traditionelle Hersteller, die ihr Sortiment um Barfussschuhe erweitert haben

Nicht alle Unternehmen waren Neulinge in der Schuhbranche, als sie in die Barfusswelt einstiegen.
Manche verfügten bereits über Erfahrung mit klassischen Schuhen, etablierte Lieferanten, Produktionsabläufe und teilweise auch eigene Fertigungsstätten. Auf neue Kundenbedürfnisse reagierten sie mit einer schrittweisen Erweiterung ihres Angebots.
Neben klassischen Schuhen boten sie nun Barfusskollektionen, unterschiedliche Weiten oder sogenannte Kompromissmodelle an. Diese verbinden einzelne Barfussmerkmale mit einer konventionellen Konstruktion, beispielsweise mehr Zehenraum mit einer dickeren Sohle.
Zu dieser Gruppe lassen sich etwa Bundgaard, FARE, Froddo, Beda, Jonap, Protetika, Bisgaard, Koel, D.D.Step oder Merrell mit seiner minimalistischen Linie zählen.
Dabei verlief die Entwicklung nicht bei allen Marken gleich. Einige ergänzten eine eigenständige Kollektion, andere richteten sich zunehmend auf Barfussschuhe aus.
Dieser Weg zeigt, dass Erfahrung aus der klassischen Schuhherstellung und ein Barfussansatz kein Widerspruch sein müssen. Entscheidend ist, wie sie im konkreten Produkt zusammenkommen.
Barfussmerkmale im breiteren Mainstream

Eine weitere Gruppe bilden Marken, die viele vor allem aus der Alltagsmode, dem Sport- oder Outdoorbereich kennen. In ihrem Sortiment finden sich inzwischen auch Barfussschuhe oder Modelle mit einer fussgerechteren Form. Dazu gehören beispielsweise Next, Reebok, Reima, Lurchi, Trollkids, H&M und Decathlon. Nach und nach kommen weitere Marken hinzu.
Das bedeutet weder, dass alle gleichzeitig in diesen Bereich eingestiegen sind, noch dass ihre Modelle dieselben Eigenschaften haben. Zudem ist die Grenze zwischen einem traditionellen Hersteller und einer Mainstream-Marke fliessend. Diese Einteilung beschreibt unterschiedliche Wege in den Markt, keine Rangfolge der Qualität.
Grosse Unternehmen können von höheren Produktionsmengen, einem breiteren Vertriebsnetz und einer stärkeren Verhandlungsposition profitieren. Was für eine kleine Marke teuer oder schwer zugänglich ist, lässt sich für sie möglicherweise leichter umsetzen.
Auch die Produktionsmöglichkeiten haben sich verändert
Einige Barfussmarken begannen mit lokalen Herstellern oder in einer eigenen Werkstatt. Andere suchten geeignete Partner im Ausland. Jemanden zu finden, der bereit war, mit einem ungewohnten Leisten zu arbeiten oder eine andere Konstruktion zu entwickeln, war jedoch nicht immer einfach.

Heute werden Barfussschuhe in unterschiedlichen Teilen der Welt hergestellt. Für europäische Marken spielen beispielsweise Portugal und Spanien mit ihrer etablierten Schuhindustrie eine wichtige Rolle. Produziert wird aber auch in asiatischen Fabriken, darunter grosse Betriebe mit umfangreichen Kapazitäten und Zugang zu technischen Materialien.
Die Möglichkeiten einer konkreten Fabrik hängen von ihrer Ausstattung, Erfahrung, ihren Lieferanten und den Anforderungen des Auftraggebers ab. Die Unterscheidung zwischen europäischer und asiatischer Produktion allein reicht nicht aus, um Qualität, Arbeitsbedingungen oder Materialkontrollen zu beurteilen.
Eine Frage bleibt dennoch interessant: Ist die Herstellung von Barfussschuhen auch deshalb zugänglicher geworden, weil frühere Hersteller und Entwickler bereits einen Teil des Weges geebnet haben?
Ist das ein Erfolg der Barfusswelt?
In gewisser Weise ja.
Wenn mehr Schuhe den Zehen Raum geben und die Fussform besser berücksichtigen, gewinnen Ideen an Reichweite, die ursprünglich mit einem kleinen Marktsegment verbunden waren.
Spezialisierte Marken, ihre Kundschaft und Menschen, die Aufklärungsarbeit leisten, können zu diesem Wandel wesentlich beigetragen haben. Wie gross der jeweilige Anteil ist, lässt sich schwer bestimmen. Eine natürlichere Schuhform muss aber offenbar kein reines Nischenthema mehr sein.
Für die Kundschaft ist dabei nicht unbedingt entscheidend, wer zuerst da war. Wichtig ist, ob der konkrete Schuh zu den eigenen Bedürfnissen passt.
Mit mehr Auswahl wächst der Preisdruck
Für kleinere Hersteller kann das wachsende Angebot zugleich eine Herausforderung sein.
Eine Marke mit kleinen Produktionsserien kann andere Kosten pro Paar haben als ein Unternehmen, das grosse Aufträge vergibt. Den Endpreis beeinflussen jedoch auch Materialien, Entwicklung, Transport, Vertrieb, Marketing und Margen.
Die Kundschaft sieht dann möglicherweise einen spezialisierten Barfussschuh neben einem optisch ähnlichen Modell einer grossen Marke, das deutlich weniger kostet. Rein beispielhaft könnte der Preisunterschied 20, 30 oder 50 Prozent betragen. Das ist kein allgemeiner Marktvergleich: Bei anderen Modellen kann der Unterschied geringer sein, ganz fehlen oder umgekehrt ausfallen.
Die Frage ist trotzdem nachvollziehbar: Warum sollte ich mehr bezahlen?
Wofür bezahlt die Kundschaft tatsächlich mehr?

Ein höherer Preis kann beispielsweise zusammenhängen mit:
- der Entwicklung eigener Leisten und Laufsohlen,
- kleineren Produktionsserien,
- der Auswahl und Prüfung von Materialien,
- durchdachten Schnitten für bestimmte Fussformen,
- einem Angebot unterschiedlicher Weiten,
- Produktionskontrollen und der Rückverfolgbarkeit von Komponenten,
- Kundenservice und fachlicher Beratung,
- Kosten für Mitarbeitende, Entwicklung und den Betrieb des Unternehmens.
Nichts davon lässt sich jedoch allein aus dem Preis oder der Grösse einer Marke ableiten. Ein teurerer Schuh ist nicht automatisch hochwertiger, ein günstigerer nicht automatisch schlechter.
Für Hersteller und Händler wird es deshalb immer wichtiger, den konkreten Wert eines Modells verständlich zu machen. Nicht nur zu behaupten, dass es besser ist, sondern zu erklären, weshalb und für wen.

Ein breiterer Schuh ist noch nicht automatisch ein Barfussschuh
Die Breite der Zehenbox ist wichtig, aber nur ein Teil der Konstruktion.
Ein Schuh kann ausreichend Zehenraum bieten und gleichzeitig Folgendes aufweisen:
- eine steife oder wenig flexible Sohle,
- einen deutlichen Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuss, also eine Sprengung,
- starke Dämpfung,
- eine Einlegesohle mit ausgeprägter Gewölbestütze oder Fersenerhöhung,
- feste Verstärkungen, die die Bewegung begrenzen.
Das macht ihn nicht automatisch zu einem schlechten Schuh. Es bedeutet lediglich, dass ein breiter Schuh und ein Barfussschuh nicht dasselbe sind.

Bei Barfussschuhen suchen wir üblicherweise eine Kombination aus Zehenraum, Zero Drop, einer flexiblen und relativ dünnen Sohle sowie einer Konstruktion, die dem Fuss Bewegung ermöglicht. Auch das Gewicht kann wichtig sein. Einen Schuh mit der Hand zu biegen zeigt dabei, dass er sich biegen lässt, nicht aber, wie viel Kraft dafür nötig ist oder wie er sich beim Gehen verhält.
Auch die Bezeichnung «barefoot» ersetzt keine Beurteilung des konkreten Modells. Ebenso lässt sich die tatsächliche Sprengung nicht immer zuverlässig von der Seite erkennen: Der äussere Sohlenrand muss nicht der Position des Fusses im Schuh entsprechen.
Und schliesslich kommt es auf den Fuss selbst an. Auch ein Schuh mit den üblichen Barfussmerkmalen passt nicht automatisch jedem Menschen. Entscheidend sind Länge, Breite, Zehenform, Spann, Ferse und der vorgesehene Einsatz.
Welche Rolle werden spezialisierte Marken künftig spielen?

Es ist möglich, dass eine breitere Zehenbox in einigen Jahren nichts Besonderes mehr ist. Eine natürlichere Form könnte zu einem selbstverständlicheren Bestandteil moderner Schuhe werden.
Spezialisierte Marken werden ihren Wert dann auch über andere Aspekte als den Zehenraum vermitteln müssen. Besonders wichtig könnten sein:
- unterschiedliche Schnitte für verschiedene Fussformen,
- Verarbeitungsqualität und geeignete Materialien,
- Langlebigkeit und Reparierbarkeit,
- transparente Produktion und nachvollziehbare Arbeitsbedingungen,
- konkrete Massnahmen zur Verringerung der Umweltbelastung,
- Erfahrung in der Entwicklung,
- fachliche und persönliche Beratung.
Für einen Teil der Kundschaft wird auch die europäische oder lokale Produktion wichtig sein. Sie allein ersetzt jedoch nicht die übrigen Kriterien.
Gewinn oder Problem? Vielleicht beides
Wenn wir eines Tages an den Punkt kommen, an dem die natürliche Fussform bei der Gestaltung von Schuhen ganz selbstverständlich berücksichtigt wird, wäre das ein grosser Fortschritt. Das bedeutet nicht, dass alle Schuhe zu Barfussschuhen werden. Für viele Menschen könnte es aber einfacher werden, Schuhe zu finden, die ausreichend Platz bieten und gut passen.
Es wäre nur schade, wenn dabei gerade jene Marken verschwinden würden, die diesen Wandel über Jahre mitgestaltet haben.
Für die Kundschaft ist eine grössere Auswahl eine gute Nachricht. Gleichzeitig lohnt es sich, nicht zu vergessen, wer den Weg mitgeebnet hat, den heute weitere Marken einschlagen. Hinter der Entwicklung von Barfussschuhen stehen auch Jahre des Ausprobierens und der Suche nach Lösungen, die nicht immer einfach zu finden waren und nicht immer zum Erfolg führten.
Bei der Schuhwahl berücksichtigen wir jedoch alle unser eigenes Budget, unsere Bedürfnisse und die Passform des jeweiligen Modells. Die Arbeit kleinerer Hersteller wertzuschätzen und sich für einen günstigeren Schuh zu entscheiden, muss sich dabei nicht ausschliessen. Ebenso wenig entscheiden die Grösse einer Marke oder der Preis allein über die Qualität.
Ist der Einstieg grosser Marken also ein Gewinn für die Barfussbewegung oder der Beginn einer schwierigeren Phase für kleinere Hersteller? Vielleicht ist es tatsächlich beides.
Wenn grosse Marken dazu beitragen, Schuhe mit einer natürlicheren Form für mehr Menschen zugänglich zu machen, kann das für den gesamten Markt positiv sein. Die Frage bleibt, ob daneben genügend Raum für kleinere und spezialisierte Hersteller bestehen bleibt, die Passformen weiterentwickeln, Materialien erproben und Lösungen für unterschiedliche Fussformen suchen.
Wohin sich die Schuhwelt entwickelt, gestalten Hersteller, Handel und wir als Kundinnen und Kunden gemeinsam mit. Mit unseren Fragen, unseren Erwartungen an Schuhe und unserer Auswahl im Rahmen unserer Möglichkeiten zeigen wir, was uns wichtig ist.
Welche Zukunft der Schuhwelt möchten wir mit unserer Auswahl unterstützen?

